Gespräch mit einem Tannenbaum

Gespräch mit einem Tannenbaum

Im März 2023 mussten wir zu Gunsten eines Kastanienbaums eine alte Tanne fällen. Um unsere Kinder für die Fällung zu sensibilisieren, hat Bastiaan einen Dialog mit dem Tannenbaum auf Papier festgehalten.

 

Bastiaan (B): Hallo lieber Tannenbaum, hier ist Bastiaan, hast du etwas Zeit für mich?

 

Tannenbaum (T): Ja, was willst du?

 

B: Danke. Ich möchte mit dir die Situation hier besprechen und von dir hören, was du dazu meinst, wie es dir dabei geht und was du für Botschaften dazu hast?

 

T: Aha, welche Situation?

 

B: Ich habe dir doch bereits früher davon erzählt, dass wir dich fällen möchten, damit es hier etwas mehr Licht für den Nussbaum gibt. Hast du das wieder vergessen oder habe ich mich unklar ausgedrückt?

 

T: Ach so, diese Situation meinst du. Ja, ich kann mich erinnern. Du warst einfach zuvor unpräzise oder redest um den heissen Brei, es gibt ja noch ganz viele andere Situationen hier und was ist schon eine Situation?

 

B: Ok, das verstehe ich, ja. Möchtest du wissen, was meine Überlegungen sind?

 

T: Nein, deine Überlegungen interessieren mich nicht wirklich.

 

B: Hm, ok, das nehme ich zur Kenntnis. Darf ich fragen, warum es dich nicht interessiert und was dich dann interessieren würde?

 

T: Eins nach dem anderen!

 

B: OK.

 

T: Mich interessieren deine Überlegungen nicht, weil ich es schon weiss. Ich bin ja viel mehr hier als du, ich sehe es, spüre es, rieche es und noch viel mehr. Du musst mir nicht mehr dazu erzählen. Ich verstehe die Situation gut. 

 

B: OK.

 

T: Mich interessiert mehr, wie es dir dabei geht?

 

B: Hmm, ok. Das würde mich auch interessieren, wie es dir dabei geht?

 

T: Eins nach dem anderen! Magst du mir meine Frage beantworten?

 

B: Ja, warte, ich möchte kurz nachfühlen. – Ich fühle mich…. hm… durchlässig, berührt, dankbar, ja dankbar, dankbar, dass du da bist, schon so lange da bist, du hast viel gesehen hier, viel mehr als ich, du hast viel ausgehalten hier, viel mehr als ich, ich danke dir für dein Da-Sein.

 

T: Gerne. Es war richtig hier zu sein und es ist auch ok jetzt zu gehen und Platz zu machen für Neues, für noch mehr Licht. Ich gebe gerne einen Raum für Neues. Und all meine Freunde werden vom Wald immer wieder hinunter schauen zu euch.

 

B: OK, ich höre dich. Und wie geht es dir dabei?

 

T: Es fühlt sich richtig an. Danke, dass du nachfragst, das schätze ich sehr.

 

B: Mir ist wichtig, dich zu hören, denn ich liebe dich, vor allem deinen Duft.

 

T: Danke, dass du das sagst, das ist schön zu hören, aber ich wusste es schon. Trotzdem ist es schön zu hören. Ihr Menschen dürftet das uns Pflanzen viel öfters sagen.

 

B: OK, ich höre dich und nehme es mir zu Herzen.

 

T: Danke. Gibt es sonst noch etwas, das du wissen willst, bevor ich gehe?

 

B: Was geschieht mit deinem Wissen und deinen Erfahrungen?

 

T: Das bleibt.

 

B: Wie meinst du das?

 

T: Genau so.

 

B: Kannst du es noch etwas genauer beschreiben?

 

T: Mein Wissen und meine Erfahrungen stehen allen zur Verfügung die das wollen, es kann jederzeit abgeholt werden. Alles, was ich gesehen, erlebt, mit all meinen Sinnen wahrgenommen habe, das bleibt erhalten, es geht nicht verloren. Ich habe es schon ganz vielen anderen Lebewesen und Steinwesen weitererzählt. Ein Teil von meinem Wissen bleibt zum Beispiel im Boden bei den Erdwesen, einen anderen Teil meines Wissens tragen die Baumwesen weiter, einen anderen Teil tragen die Tannenbaumwesen weiter, einen anderen Teil tragen die Insekten weiter, einen anderen Teil tragen der Himmel, die Sonne, der Mond und die Sterne weiter und so weiter und so weiter. So trage ich einen kleinen Teil zum grossen Wissen bei. Verstehst du das?

 

B: Ja, das kann ich verstehen und das leuchtet mir ein. Du meinst damit auch, dass alles miteinander verbunden ist, oder?

 

T: Ja, genau. Alles ist miteinander verbunden. Leben kommt und geht, Leben wird geboren, lebt und stirbt. Tod ist Veränderung, Veränderung ist immer eine Chance, eine Gelegenheit für etwas Neues. Das ist auch gut so. Es geht weiter. Vielleicht wird mein Holz zu Feuer oder wieder zu lebendiger Erde. Beides erzeugt Wärme. Wie schön. 

 

B: Hm, ich verstehe. Danke für deine Ausführungen.

 

T: Gerne. Du kannst immer zu mir kommen, wenn ich meine Ruhe brauche, sage ich es auch. Aber ich freue mich meistens. 

 

B: Würdest du dich freuen, wenn wir einen neuen Baum pflanzen und für dich noch ein Lied singen?

 

T: Du bist lustig.

 

B: Wieso meinst du?

 

T: Klar ist es schön, neue Bäume zu pflanzen, aber ihr müsst das sicher nicht wegen mir tun. Pflanzt Bäume, Sträucher, Blumen oder was auch immer, wann immer und wo immer ihr Möglichkeiten seht, die Welt zu einem schöneren Fleck zu machen. 

 

B: Und was ist mit dem Lied?

 

T: Sing wenn ihr singen wollt. Singen ist fast immer gut. An dir mag ich übrigens besonders, dass du so viele Lieder pfeifst. 

 

B: Oh, Danke. 

 

T: Gerne. Eben, ihr müsst nicht für mich singen, das ist eine menschliche Vorstellung. Wir sind ja verbunden. Der Sinn vom Singen ist singen selbst. Singt also für das Singen und vergesst nicht, manchmal ganz still zu werden, denn wir Bäume singen auch. Wir haben alle unsere eigene Melodie. Und im Wald sind wir eine ganze Symphonie. Meistens seid ihr Menschen aber zu laut und zu hastig, um unser Konzert zu hören. 

 

B: OK. Ja, ich liebe es, dem Waldkonzert zu lauschen, dem Rauschen der Blätter zuzuhören. Danke für deine Erinnerung. Gibt es noch etwas Wichtiges, das ich wissen sollte?

 

T: Gebt acht, dass ich in die richtige Richtung falle, wenn ihr mich fällt. Also auf die Weide hinaus und vergesst nicht, das Vogelhaus abzunehmen. Vergesst auch nicht, gut abzusperren. Die Kinder können zuschauen, wenn sie wollen, aber nur aus der Ferne. Das ist wichtig. Eine Fällung kann ganz schön gefährlich sein, ich möchte nicht, dass etwas Schlimmes passiert und sich jemand weh tut. 

 

B: Danke für deine Achtsamkeit. Gibt es noch etwas was du zum Schluss sagen möchtest? Zum Beispiel eine Botschaft an uns Menschen, die hier jetzt gerade leben?

 

T: Wenn ihr im Feuertempel seid, da habe ich immer gelauscht. Macht weiter damit. Nehmt das Leben nicht zu seriös, geniesst es. Wenn ihr mich gefällt habt, stellt etwas Licht-symbolisierendes für eine Weile auf meinen Baumstrumpf, zum Beispiel eine Kerze oder einen Kristall, das hilft mir weiterzuziehen, loszulassen. Kommt mich immer mal wieder besuchen, oben im Wald gibt es viele von mir. Wir tun euch gut. Und: Danke für den Austausch, es ist schön, dass du zu mir gekommen bist. 

 

B: Danke dir für den Austausch und deine Weisheit. Ich liebe dich.

 

T: Ich liebe dich auch. Gute Nacht und bis bald.

 

B: Gute Nacht und bis bald. 

 

 

Bastiaan Frich – März 2023