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Väter und Söhne im Parkett

Es gibt Räume, die man betritt – und sofort spürt: Da ist mehr als Holz, mehr als Architektur, mehr als Handwerk. Unser Hochzeitssaal ist so ein Ort. Opulent und eindrücklich in Ausstattung und Dimension, aber das eigentliche Herzstück ist der kunstvolle Parkettboden.

Verlegt wurde er zu Beginn der 90er-Jahre, als die Wirtschaft Waldhaus zum Internationalen Seminarzentrum mutierte. Der Boden war ein Wagnis, eine Idee, ein Experiment als Verdichtung von Symbolik und Lebenserfahrung.

Ende Februar 2026 kehrte sein Schöpfer zurück.

 

Die Rückkehr des Handwerkers

Michael Hämmerli steht in „seinem“ Saal. Er trägt Schiebermütze, ein rotes Wollgilet und eine Lederweste – und den wachen Blick eines Menschen, der mit den Händen denkt.

Man sieht ihm an: Das hier ist keine gewöhnliche Besichtigung. Es ist eine Wiederbegegnung.

Beim Betreten des Raumes verschlägt es dem stattlichen Mann, der sonst um kein Wort verlegen ist, für ein paar Sekunden den Atem. Sichtlich gerührt ist er davon, sein Werk in fast genauso tadellosen Zustand anzutreffen, wie er es vor über 30 Jahren hinterlassen hat.

Heute kommt Michael in Begleitung seines Enkels Moritz. Ihm will er sein Werk zeigen. Ihm war und ist es in gewisser auch gewidmet. Denn das Thema des Bodens lautet: Väter und Söhne.

 

Ein Schachbrett als Weltbild

Im Zentrum des etwas breiteren westlichen Teil des Saals liegt – auf den ersten Blick kaum wahrnehmbar – ein vollkommenes Schachbrett. 64 Felder, jedes wiederum aus neun kleineren Quadraten aufgebaut. Alles aus hellbraunem Eschenholz. Der Kontrast der Felder ergibt sich einzig aus der Legerichtung der einzelnen Parkettstücke.

Das Schachbrett wird in dunkler Eiche ornamentalisch von Saturn umrahmt, dem Hüter der Ordnung. Das Zentrum des grossen Quadrats ziert ein auffälliges Motiv: zwei sich überlagernde, fliegende Vögel, einer aus hellem Ahorn und der andere aus dunklem Merbau, einem exotischen Tropenholz. Es ist eine Hommage an OSHO.

Der Boden ist nicht nur Handwerk. Er ist ein Stück Zeitgeschichte.

 

Das Männliche, das Weibliche, die Unendlichkeit

Die östliche Seite des Raumes wird von einem gleichschenkligen Dreieck mit eingefasstem Kreis dominiert. Das hierbei verwendete Kirschholz steht für Venus, das Weibliche. Der helle Kreis steht für das Göttliche.

Gemäss Michael Hämmerli erzählt der Boden von Spiel und Kampf. Von Struktur und Freiheit. Von Rahmen und Bewegung. Er sagt: „Das Leben ist immer Spiel und Kampf zugleich.“

Zwischen den grossen und dominanten geometrischen Formen Dreieck, Kreis und Quadrat, schmiegt sich – fast unscheinbar – ein fein gearbeitetes Unendlichkeitszeichen aus Buchenholz im Parkett ein. Es fällt nicht auf. Und gerade deshalb ist es da. Wie vieles in diesem Raum erschliesst sich seine Bedeutung erst auf den zweiten Blick.

 

Ohne Plan. Ohne Zeichnung.

Verlegt hat Michael Hämmerli den Boden damals gemeinsam mit Unterstützung des Mystikers und Künstlers Saajid Zandolini. Sie hätten jedoch keine Zeichnungen des Designs angefertigt. Es gab keinen Bauplan, sondern die Gestaltung entstand im Gespräch. Die Masse wurden vor Ort entwickelt, die Proportionen mit dem Raum ausgehandelt.

„Wir haben das Werk im Prozess entstehen lassen,“ sagt Michael. Und bis heute wirkt das irgendwie selbstverständlich. Symmetrisch. Klar. Stimmig.

 

Technik trifft Poesie

Unter dem Parkett liegt ein selbstnivellierender Anhydrit-Unterboden. Dieser wurde kurzerhand auf den vormaligen Holzboden aufgegossen, mitsamt integrierter Bodenheizung. Das war damals fast visionär und erfreut die barfusstanzenden Saalbesucher:innen bis heute.

Nach der Austrocknung des Unterbodens bis zur geplanten Einweihung des neuen Bodens anlässlich eines grossen Festes blieben den beiden Männern nur acht Tage. Acht Tage, in denen sie pausenlos dran waren: Schleifen, Schneiden, verlegen.

 

Begegnungen über Generationen

Wenn man heute in der Mitte des Saales steht, spürt man die Kraft dieses Raumes. Und wenn man die Geschichte des Bodens kennt, wird einem bewusst, dass das architektonische Werk durch ihn erst vollendet worden ist.

In diesem Raum, auf diesem Boden wurde und wird viel getanzt, gelernt, getrauert, gefeiert. Der Raum hält, der Boden trägt.

Als Michael Hämmerli am Ende seiner Erzählungen neben seinem Enkel im Zentrum des Raumes steht, ist das Bewegendste aber nicht die Technik, sondern die Symbolik. Viele Jahrzehnte liegen zwischen ihnen. Und doch ist da diese Verbindung.

Vielleicht ist genau das auch der Kern dieses Bodens: Er ist ein Werk – und zugleich ein Vermächtnis.