Was in den 60ern als «Hippie-Kommune» argwöhnisch beäugt und gelegentlich überwacht wurde, gehört heute grösstenteils zum Mainstream: Mehrgenerationen-Häuser, selbstversorgende Genossenschaften und Alters-WG’s haben es bis in die hintersten Bergtäler geschafft. Gesellt sich zur Gemeinschaft noch Nachhaltigkeit, ist der Sprung zum «Ecovillage» nicht mehr weit. Ecovillages, oder altdeutsch «Ökodörfer», sind Lebensgemeinschaf- ten, die sich der ökologischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Nachhaltigkeit verschrieben haben. Das fundamentale Ziel ist Resilienz, gemeinschaftliche Widerstandsfähigkeit gegen die gesellschaftlichen und ökolo- gischen Unbilden der Gegenwart und der Zukunft. Trotz Selbstorganisation und grösstmöglicher Autarkie sind viele «Ecovillages» in Netzwerke verwoben, wie etwa ins «Global Ecovillage Network» GEN, das weltweit über 1200 Ecovillages miteinander verbindet. In der Schweiz sind es aktuell 12, die den Schweizer Ableger, «GEN Suisse» bilden. Aber es sollen bald mehr werden. Von Dani Hösli
«Ihr seid Hummeln und Schmetterlinge», sagt Mar in die Runde. Es ist der dritte Tag des fünftägigen GEN-Suisse Summercamps im idyllischen Jurtendorf im Luzernischen Luthern Bad. Obwohl drinnen gegen 60 Leute versammelt sind und sich draussen bereits der nächste Hundstag aufheizt, ist die Temperatur in der Seminarjurte noch halbwegs angenehm. Mar ist Mitglied des Präsidiums von GEN-Suisse und orientiert den «Kreis», wie die tägliche Vollversammlung genannt wird, über den Tag. Schwer- punkt heute ist «Open Space», selbstorganisierte Workshops und Gesprächsrunden, deren Themen die Teilnehmenden selbst bestimmen und anbieten. Wieviele, wer, wann, wo und was, wird sich zeigen. Die «Schmetterlinge» bekom- men der Reihe nach ein paar Minuten Zeit, dem «Kreis» ihr Angebot vorzustellen und die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. «Hummeln» sind jene , die von Angebot zu Angebot summen. Das Publikum.
Während die Temperatur steigt, wird die Liste der «Schmetterlinge» immer länger und endet schliesslich bei 17. Die Angebote reichen von der Diskussionsrunde um eine «Neue Krankenkasse» über den Vollzug des Hawaiianischen Vergebungsrituals «Ho’oponopono» zur «Transparenz in Gruppenkommunikation» bis zur Arbeitsgruppe, die Ideen zum kommenden 15-Jahr- Jubiläum von «GEN Suisse» sammeln soll. Mar kondensiert die Angebote parallel zu den Präsentationen mit Klebezetteln in einen Plan, der am Anschlagbrett endet. Auch wenn eines der Prinzipien von «Open Space» lautet «Es ist vorbei, wenn es vorbei ist», ist dessen Organisation etwas strikter. So muss Mar Einwürfe aus dem Kreis auch schon mal mit einem unmissverständlichen «Nein» beantworten, um ausufernde Diskussionen zu verhindern.
Auch Selbstorganisation braucht Übersicht und Ordnung.
Schnuppercamp
«Open Space» ist nur eines der Selbstorganisations-«Tools», wie Methoden und Prozesse heutzutage gerne englisch genannt werden. Nicht zu verwechseln mit Grossraumbüros. Der «Open Space»-Tag im Jurtendorf dient jedoch noch ei- nem weiteren Zweck. Das Sommercamp ist jene Veranstalt- ung von GEN Suisse, an der interessierte Aussenstehende nicht nur teilnehmen, sondern auch vollumfänglich in den Gemeinschafts-Alltag integriert werden, wie Mar sagt: «Unser Netzwerk soll Menschen zugänglich sein, die bislang nicht viel mit GEN und Ökodörfern zu tun hatten. Hier können sie diese Lebensweise kennenlernen und erleben.» Eine Art Tag der offenen Tür. Von den knapp 60 Leuten, die hier sind, dürften wohl ein Dutzend solche «GEN-Neulinge» sein, schätzt GEN Suisse-Co-Präsidentin Anouk. «Das Angebot soll möglichst niederschwellig sein.» Die 23jährige Studentin gehört bereits zur zweiten Generation von Ecovillagern, da sie im «Herzfeld Sennrüti» im st. gallischen Degersheim aufgewachsen ist, einem der grösseren und bekannteren Ökodörfern der Schweiz (siehe A-Bulletin Januar 2022). Mittlerweile ist Anouk nach Zürich in eine klassische WG gezogen, wobei sie in einer späteren Lebensphase wieder in einem Ecovillage leben oder sogar eins gründen will. Mar stiess vor ein paar Jahren via Klimabewegung auf das Thema und zog in der Folge zuerst in die Zürcher Gemeinschaft «Jupiterhaus», später in den «Battenhof» im Bernischen Ins und lebt aktuell in einer WG in Bern.
Gerade weil viele Ecovilllages Selbstsuffizienz und Autarkie zum Ziel haben, stellt sich die Frage, wozu es einen organisatorischen Überbau wie das «Global Ecovillage Network», die Gemeinschaft der Gemeinschaften, überhaupt braucht. Auf den zweiten Blick greift der Einwand jedoch zu kurz, von der Vorsilbe «Eco» in die Irre geführt. Denn die ökologischen und ökonomischen Aspekte einer Gemeinschaft sind dank ihrer oft technischen Natur vergleichsweise einfach zu regeln und zu lernen. Ungleich zentraler und anspruchsvoller ist der Umgang von Menschen mit- und untereinander, die Gruppendynamik an den unzähligen sozialen Knotenpunkten einer Gemeinschaft.
Ist es menschlich schwierig, ist alles schwierig.
Gemeinschaft und Abgrenzung
Konfliktbewältigung, Entscheidungsfindung, Abgrenz- ung, Gesprächs- und Diskussionskultur: In diesen Bereichen ist Austausch von Erfahrung, insbesondere mit jenen, die mehr davon haben, unabdingbar. Zum einen sieht sich GEN als Austauschplattform, andererseits verbinden GEN-Gemeinschaften die gleichen Prozesse wie Soziokratie (siehe Kasten), «Open Space» oder «Forum». «Man muss das Rad nicht jedes Mal neu erfinden», sagt Mar, «wir pflegen einen enormen Wissenstransfer, den es ohne GEN so wohl nicht gäbe.»
Aktuell zählt «GEN Suisse» 12 Gemeinschaften als Aktivmitglieder und rund 80 Personen als Einzelmitglieder. 4 Gemeinschaften stehen zurzeit auf der Bewerberliste, möchten also in das Netzwerk aufgenommen werden. «Wir achten sehr darauf, dass sie die GEN-Werte teilen, also Nachhaltigkeit in den Bereichen Ökologie, Ökonomie, Soziales und Kultur leben. Andererseits grenzen wir uns klar von sektiererischen Tendenzen ab», betont Anouk. Tatsächlich musste sich GEN Suisse auch schon von Gemeinschaften trennen, die sich spirituell und po- litisch in eine Richtung entwickelten, die mit den GEN- Grundsätzen nicht mehr zu vereinen war. Die Grenzen sind fliessend.
Mehr Reibung
Eine der vier aktuellen «Anwärter»-Gemeinschaften ist der «Battenhof» in Ins im Berner Seeland, «grad näbem Röschtigrabe», ergänzt Corinne, die unterhalb der Jurtendorfküche im Schatten einer grossen Haselstaude sitzt. Die 38jährige Craniosacraltherapeutin lebt seit einem Jahr mit ihrer 13jährigen Tochter und 11 weiteren Personen in einer Gross-WG im «Battenhof». «Ich wollte mehr Reibungsfläche, mehr Konfrontation mit Anderen, mehr Herausforderung an meine Flexibilität», erzählt sie.
«Das ist natürlich manchmal auch extrem anstrengend, weil sich gewisse Prozesse immer wieder und wieder wiederholen. Im Grunde ist es ein Labor. Wir forschen nach einem friedlicheren Zusammenleben.» Wie alle alternativen Lebensgemeinschaften. So trifft man sich im «Battenhof» regelmässig im Kreis zum «sharing» und zu WG-Sitzungen. Die Arbeit hört allerdings nie auf und man wisse selbstverständlich auch nicht, wie «es» gehe, lacht Corinne. Umso wichtiger sei der Austausch mit anderen Gemeinschaften, um zu erfahren, wie diese beispielsweise mit Konflikten umgingen. «Manchmal hat man schon das Gefühl, als Gemeinschaft alleine zu sein. Da ist ein Netzwerk wie GEN extrem wertvoll.»
Der Traum vom eigenen Dorf
So weit ist der 48jährige Amadeus mit seinem «Karden- dorf» noch nicht. Denn das Kardendorf gibt es erst als Idee einer Handvoll Leute, die mit ihrem «Open Space»-Workshop an diesem Freitag im Jurtendorf weitere Interessenten suchen. Amadeus war unter anderem Geschäftsleiter des Zen-Seminarzentrums «Felsentor» an der Rigi und der Energiegenossenschaft Schweiz, die sich seit der Katastrophe von Fukushima für die Verbreitung von Solarenergie einsetzt. Zurzeit lebt er auf einem Lebenshof im Luzernischen, was sich im Laufe der nächsten 10 Jahre jedoch ändern soll: Amadeus will ein Ecovillage gründen, das bis zu 150 Menschen beheimatet. «Das Dorf soll im Prinzip ein Garten sein, wo sich die Leute niederlassen und in ihrem Tipi, ihrer Jurte oder in einem Tiny House leben können. Ein einfaches Leben mit Permakultur direkt vor der Haustür.»
Wo das Kardendorf dereinst entstehen soll, weiss der Innerschweizer noch nicht, aber warum: «Ein-Planet- Kompatibilität», also ein Leben, das nur soviel Ressourcen beansprucht, wie unser Heimatplanet auch tatsächlich lie- fert und fortlaufend regenerieren kann. Je nach Quelle soll der aktuelle Ressourcenverbrauch der Menschheit zwischen eineinhalb und über drei Planeten betragen. «Suffizienz bedeutet nicht ‘zurück in die Höhlen’», sagt Amadeus mit Nachdruck. Ihm geht es nicht um Verzicht, sondern um Genügsamkeit. «Die zwei ersten Säulen der Nachhaltigkeit Effizienz und Substitution sind zwar im Bau, an die dritte, die Suffizienz, wagen sich bislang aber weder Politik noch Wirtschaft. Man sollte sich eingestehen, dass man höchstens acht und nicht achtzig Joghurtsorten braucht.» Mit «Weniger» lassen sich jedoch weder Millionen noch Stimmen gewinnen.
Wie Corinne vom «Battenhof» benutzt auch Amadeus bewusst den Ausdruck «Labor» – das Ecovillage als Versuchsanordnung zu einem besseren Leben. Den Anspruch, das Rezept oder die Anleitung dazu tatsächlich zu haben, hat hier niemand, was den Prinzipien der Soziokratie widerspräche.
Trampolin und Kreiskultur
Hanna kann mit ihrem «Open Space»-Angebot nicht in den Schatten eines Haselstrauches ausweichen. Die 44jährige Filmemacherin und Therapeutin zeigt einen Dokumentarfilm über das Mehrgenerationenprojekt «Lebensraum Belmont» im Berner Oberland, wo Hanna und ihre Familie vor vier Jahren eingezogen sind. In dem ehemaligen Jugendstilhotel in Wilderswil leben insgesamt 35 Menschen in einer Genossenschaft, zehn davon sind Kinder. Für die Filmvorführung im Summercamp braucht Hanna einen geschlossenen, dunklen Raum. Keine angenehme Aussicht bei knapp 30 Grad. Das Publikum schreckt es indes nicht ab. Obwohl es in der Jurte auch ohne zusätzliche Körperwärme von Dutzenden Menschen bereits knackig heiss ist, ist sie voll.
Der Film «Trampolin und Kreiskultur» ist seit zwei Jahren auf Tournee und kann mit anschliessender Gesprächsrunde gebucht wer- den, von wem auch immer. Er behandelt drei Kernthemen, die allen Ecovillages gemein sind: «Klein und Gross», «Organisationsstruktur» und «Individuum vs. Gemeinschaft». Der Film soll inspirieren und «anstupfen», wie Hanna sagt, «anstupfen» zum Lernen. «Man kann sich bei dieser Lebensweise die Leute aussuchen, mit denen man die Herausforderungen angeht. Man braucht sich nicht mit Nachbarn herumzustreiten, die bei Konflikten die Tür zuschlagen und nie mehr mit Dir reden. Natürlich gibt’s manchmal Spannungen, aber im Innern weiss man, dass es nur miteinander geht.» Die ‘Belohnung’ für die kontinuierliche Arbeit ist Verbindlichkeit und Sicherheit, wie Hanna sagt. «Ich weiss, dass ich von den Menschen um mich herum in jeder Situation Hilfe bekomme. Ich fühle mich wirklich sicher.»
Der dritte Tag des «GEN-Suisse Summercamp» neigt sich dem Ende zu. Auf dem viertelstündigen Fussmarsch vom mobilfunkfreien Jurtendorf zurück hinunter nach Luthern Bad wird deutlich, dass Ecovillagers bei allen Vor- behalten weder zivilisations- feindlich noch gesellschaftsfern sind: Auf dem Kiesweg ausser- halb des Jurtendorfes stehen einige Summercamper und -camperinnen in gebührendem Abstand zueinander in schein- bar meditativer Entrückung.
Die Köpfe gesenkt, den Blick aufs Handy.
Networking nach dem Networking.
Mit freundlicher Genehmigung vom A-Bulletin, August 2025