Waldhaus Lützelflüh_Neuhuus, um 1950

Viel Vielfalt

Wir fuhren mit dem Auto von Zofingen über Land zum Waldhaus nach Lützelflüh. Es war zwei Wochen vor der Abstimmung über die Biodiversitätsinitiative. Auf Feldern und vor Bauernhöfen hingen fast nur Plakate mit einem grossen NEIN oder dass bei einem JA 30 Prozent der Flächen nicht mehr für Lebensmittel zur Verfügung stehen würden. Das satte Grün täuscht. Auf den überdüngten Wiesen wachsen nur wenig Arten, unter dem Mais ist die Erde nackt und Hecken gibt es kaum noch. Eine ausgeräumte, traktorengerechte Landschaft.

 

Auch auf der Ebene unterhalb vom Waldhaus gibt es nur grüne Monokulturen. Bergan fuhren wir zum Weiler und auf einen Schlag bietet sich unseren Augen Vielfalt. Links die Gärtnerei mit 12’000 Pflanzen und 250 Sorten von Dahlien, davor ein ausladender Parkplatz. Etwas weiter steht stolz das Haupthaus im Jugendstil, in seiner 130-jährigen Geschichte etwas heruntergekommen ist es heute eine Villa Kunterbunt mit Türmen und Sprüchen an der Fassade. Rechts davon das Kulturhaus mit einem grossen Saal. Etwas weiter ein offener Freilaufstall mit Hochleistungskühen. Und überall Bäume und Sträucher. Mit einem Französischen Gartenblick ein grosses Durcheinander, das einen starken Kontrast zu den geordneten Maisfelder unterhalb darstellt. Mich spricht es aber sofort an, auch wenn ich überall Arbeit sehe. Ich setze mich in den Rollstuhl.

 

Wir werden von Bastiaan herzlich empfangen, er erzählt von der langen Geschichte des Weilers und dass heute 5 Familien mit 11 Kindern im Alter von von 5 bis 14 Jahren Jahren in der «Villa»
leben. Da es anfangs September schon frisch ist, lädt er uns ins Haus ein. Es ist gerade „indische Woche“ und der Duft von Räucherstäbchen liegt in der Luft. Die indischen Götter an den Wänden zeigen Vielfalt und Offenheit. Kinder und Erwachsene kommen und gehen. Es ist eine ruhige und gute WG-Atmosphäre. Gitarren hängen an der Wand und ein grosser Tisch lässt vermuten, wie es am Abend zu und her geht.

 

Wir nostalgieren über die Vision, den Weiler wieder zu einer Einheit und die Vielfalt in seinem ökologischen Sinn zu erhöhen. Keine industrielle Landwirtschaft mehr, sondern regenerative Landwirtschaft: Wildhecken und Kleinstrukturen, Obststreuwiesen (wie auf den Luftaufnahmen von 1904 zu sehen; Anm. d. Red.), renaturierte Bäche, biodiverse Waldränder oder eine Biogemüsegärtnerei. Das ist eine Rückbesinnung auf die Zeit vor hundert Jahren, aber auch eine an den Klimawandel angepasste Vielfalt. Wichtig ist Bastiaan auch eine soziale Vielfalt und ein «Friedenslabor», wie ich es nennen würde. Kinder werden vor Ort im «Homeschooling» begleitet, miteinander wird der Alltag mit allen Konflikten, Reibereien und Freuden geteilt. Auch hier scheint Arbeit zu rufen. Gleichzeitig wollen die alten heimatgeschützten Gebäude unterhalten und geflickt werden.

 

Das verwunschene Jugendstilhaus, wohl auch über Jahre erweitert und verändert, ist ein Traum und eine Hypothek gleichzeitig, denn der alte Geist sitzt noch in den Mauern oder klebt an der Fassade. «Des Hauses Zier ist Reinlichkeit, des Hauses Glück Zufriedenheit.» Da spürt man eine moralisch aufgeladene Geschichte, die wohl nicht nur heimatgeschützt an der Fassade klebt. «Wer auf Gott vertraut hat wohl gebaut, im Himmel und auf Erden.» Das war zu einer Zeit geschrieben, als noch für alle klar war, was und wer Gott ist. Heute kann es im Geiste der Genossenschaft wohl auch Genesha oder Shiva sein. Was Leben ist und wie es entsteht, bleibt bis heute ein Geheimnis, was der Biologe Bastiaan eingestehen muss. Wie auch immer, wer auf Gott vertraut, hat wohl gebaut.

 

Kulturelle, soziale und ökologische Vielfalt sind aus der Geschichte und mehr noch von den Visionen gegeben, sicher anstrengend, aber mit Sicherheit der einzige Weg zu Enkeltauglichkeit und Friedfertigkeit. Im Waldhaus Lützelflüh wird dafür im Alltag geübt, gerungen, gestritten und gelernt, was mich tief beeindruckt hat.

 

 

Thomas Gröbly – September 2024 – www.ethik-labor.ch und www.volleshaus.ch